Tabea Böhm - die eigene Schule zu Haus in Pakistan - Pressemeldung vom 15. März 2002
Berlin/Hamburg - Tabea Böhm aus Gießen ist mit ihren 16 Jahren eine fleißige und gewissenhafte Schülerin, die ihren Mitschülern einiges an Erfahrungen voraus hat. Während andere Mädchen in Deutschland auf dem Pausenhof spielen oder in den Ferien mit ihren Freundinnen zum Schwimmen fahren, hat Tabea von klein auf ein anderes Leben in Pakistan kennengelernt. Geboren und aufgewachsen ist sie in Pasrur, einem Dorf etwa fünf Autostunden von Islamabad entfernt, wo ihre Eltern seit fast zwei Jahrzehnten ein Heim für Waisenkinder leiten.
Von der ersten bis zur vierten Klasse hat Tabea mit Schulunterlagen von der deutschen fernschule (df) aus Wetzlar gelernt, danach bis zur zehnten Klasse mit Schulunterlagen des Institut für Lernsysteme (ILS), Hamburg. Beide Fernschulen bieten einmalig in Deutschland Fernunterricht für deutsche Kinder im Ausland an. Eine Eingliederung in das deutsche Schulsystem ist so immer gewährleistet. Um in Deutschland ihr Abitur zu machen, wohnt Tabea seit Sommer 2001 bei einer Gastfamilie in Gießen und ist dort bis zum Abitur auf einem christlichen Gymnasium.
Für ihre außergewöhnliche Lernsituation und ihre guten bis sehr guten Schulleistungen kürte eine unab-hängige Jury des Deutschen Fernschulverbandes e.V., Hamburg, Tabea Böhm zur "Sonderpreisträgerin Fernschüler im Ausland". Der erstmalig in diesem Jahr vergebene Preis wurde ihr am 15. März 2002 in Berlin von dem Parlamentarischen Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung, Wolf-Michael Catenhusen, verliehen.
Das Leben in Pakistan war für Tabea und ihre Familie als Deutsche nicht immer einfach. Während gleichaltrige Mädchen sich in Deutschland mit ihren Klassenkameradinnen zum Spielen treffen konnten, war Tabea als einziges Mädchen unter fünf Geschwistern an die Lebensbedingungen im moslemischen Pakistan gebunden. Was für Jugendliche in Deutschland Selbstverständlichkeiten sind, war für Tabea immer eine Ausnahmeregel. So konnte sie sich zum Beispiel nicht ohne Begleitung außerhalb des eigenen Grundstücks bewegen, geschweige denn Fahrrad fahren oder sich einfach mal Nachmittags mit Freundinnen außerhalb des Heimgeländes treffen. Dennoch will Tabea ihre Jugend im fernen Land nicht missen. Sie profitiert heute von ihren Erfahrungen und sieht sowohl Pakistan als auch Deutschland als ihre Heimat an. Sie spricht perfekt deutsch und die Landessprache urdu, die sie sich selbst beigebracht hat.
Die ersten Jahre lernt sie mit Unterstützung ihrer Eltern, später dann allein mit Anleitung durch die Betreuung ihrer Fernschule. Geholfen hat ihr dabei der vorbereitete Stundenplan mit dem sie sich den Tag einteilen konnte. Wenn sie nicht mehr am Schreibtisch sitzen wollte, hat sich Tabea ihre Unterlagen geschnappt und ist lernend durch die Wohnung gelaufen oder in den Garten gegangen. Per Post, Telefon und Email steht sie in ständigem Kontakt mit den Fernlehrern. "Der Vorteil am Fernunterricht war, dass ich Themen, die mir leicht gefallen sind, schneller abarbeiten konnte und mir dafür für Themen, die mir schwerer gefallen sind, mehr Zeit lassen konnte", erinnert sie sich. Und: "Ich hatte meine eigene Schule in meinem Zimmer und konnte mir mein Schulpensum später selbst festlegen." Von klein auf war Tabea dadurch ge-wöhnt, selbständig zu lernen. Das verschafft ihr heute am Gießener Gymnasium oft Vorteile bei der Bewältigung des Lernpensums. Als feststand, dass sie nach Deutschland gehen würde und sie für das große Latinum noch Latein nachholen musste, schaffte sie das Pensum des anspruchsvollen Latein-Fernkurses beim ILS in der Hälfte der Zeit.
Heute ist Tabea glücklich, dass sie sich so schnell in ihre neue Lebenssituation einfinden konnte. Auch wenn sie ihre Eltern und Freunde in Pakistan vermisst, will sie auf jeden Fall erst einmal die nächsten Jahre in Deutschland bleiben und überlegt, nach dem Abitur Medizin zu studieren.

