Sebastian Dean - Sonderpreis 'Lernen mit Handicap': Der Insel wird eine Brücke gebaut
"Ich fühlte mich wie auf einer einsamen Insel, wie in einem teuflischen Gefängnis", erinnert sich Sebastian Dean aus Tostedt. Der 21-Jährige ist Autist: Er kann nicht sprechen, als Kind lachte er nie und krabbelte nicht. Er verbrachte sein Leben mit Wutausbrüchen, musste beschützt werden, damit er sich nicht selbst verletzt. Und dann kam der 16. August 2000: Beim Kaffeetrinken mit Freunden trafen Sebastian und seine Mutter auf Conny, die in Italien mit Autisten arbeitet. Sie setzte sich mit dem damals 18-Jährigen an den Computer, stützte seinen Arm und Sebastian schrieb. Plötzlich konnte er mitteilen, wer er wirklich ist und war endlich "frei", wie er selbst es ausdrückt. Und das ist noch nicht alles: Per DistancE-Learning lernte er dann bei der Flex-Fernschule und machte nach nur 15 Monaten seinen Hauptschulabschluss.
Für diesen beeindruckenden Erfolg verlieh eine unabhängige Jury des Forum DistancE-Learning - Der Fachverband für Fernlernen und Lernmedien e. V., Hamburg, Sebastian Dean den Sonderpreis "Lernen mit Handicap". Der Preis wurde ihm am 26. April 2004 im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) in Berlin von Staatssekretär Wolf-Michael Catenhusen übergeben.
Sebastian hat ein ganz anderes Verständnis von Zeit als gesunde Menschen; für ihn ist Zeit hektisch und fremd: "Jagen und Hetzen mag ich nicht, mit Fernunterricht kann ich in meinem eigenen Tempo arbeiten, meine Zeit sinnvoll füllen", erzählt der Preisträger. Als Autist und Epileptiker braucht er viel Ruhe beim Lernen. Fürs Fernlernen muss er seine gewohnte Umgebung nicht verlas-sen. Die Flex-Fernschule in Breisach, die seit 1998 Lernhilfe für junge Menschen anbietet, die nicht in einer Schule lernen, war daher wie für ihn geschaffen.
Die Aufgaben löst er mit Hilfe gestützter Kommunikation - kurz FC von "Faciliated Commuication": Eine speziell ausgebildete Betreuerin stützt seinen Arm oder berührte ihn nur an der Schulter, so dass er seine Gedanken in den Com-puter tippen kann. FC hat seinen Ursprung in Australien und fand durch Birger Sellin schon viel Beachtung in den Medien. Auch wenn Wissenschaftler sich nicht einig sind, hilft diese Methode Sebastian zu kommunizieren und am Leben teilzunehmen. Seine Mutter und Lehrer entdeckten dabei seine überdurchschnittliche Intelligenz. Vor drei Jahren wusste noch niemand, dass er über-haupt lesen und schreiben kann. Heute ist klar, dass er ein fotografisches Gedächtnis hat und unter anderem fließend englisch schreibt.
Seine Mutter und seine drei Geschwister sind dankbar dafür, Sebastian mit 18 Jahren noch richtig kennen zu lernen. "Mein Sohn ist die aufregendste Beziehung meines Lebens", sagt Constanze Dean gerührt. Sebastian weiß zwar, dass er nicht zu den "Normalen" gehört, doch das will er ändern und plant, nun noch seinen Realschulabschluss per Fernunterricht zu machen und später mit Computern zu arbeiten. "Ich werde wieder an einer Fernschule lernen und der Insel wird so eine weitere Brücke gebaut", so der diesjährige Sonderpreisträger "Lernen mit Handicap".

